Gleiche Tarife für alle: Versicherten drohen Preiserhöhungen Von Daniela Wiegmann und Marion Trimborn, dpa

Für viele Versicherte könnte die Auto- oder Krankenversicherung
demnächst teurer werden. Nach einem EU-Urteil sind unterschiedliche
Prämien für Männer und Frauen diskriminierend - und von Ende 2012 an

verboten. Die Versicherer drohen mit Preiserhöhungen.

   Luxemburg/München (dpa) - Männlich oder weiblich? Beim Abschlu
ss
eines Versicherungsvertrages entscheidet diese Frage über viel Geld.
Junge Frauen können ihren Wagen günstiger versichern als junge
Männer, weil sie seltener Unfälle bauen. Für Rentenversicherungen
müssen sie dagegen mehr zahlen, weil sie statistisch gesehen länger
leben. Mit solchen Unterschieden nach Geschlecht ist es aber bald
vorbei: Der Europäische Gerichtshof wertet sie als diskriminierend
und schreibt von Ende 2012 an den Versicherungen Unisex-Tarife vor.

   Auf Preissenkungen dürften die meisten Versicherten aber
vergeblich hoffen. «Klar ist, dass das Urteil Versicherungen
verteuern wird», sagte der Vorstandschef der Allianz Deutschland,
Markus Rieß, in München. Ganz im Gegensatz zu den Richtern hält er
einheitliche Tarife für Männer und Frauen für ungerecht. Denn obwohl

junge Frauen seltener Unfälle haben, müssten sie dann den gleichen
Beitrag für die Auto-Haftpflicht wie junge Männer zahlen, schreibt
Rieß in der «Euro am Sonntag».

   Derzeit muss ein 18-jähriger Fahranfänger aus Berlin mit einem
VW
Golf, der höchstens 9000 Kilometer pro Jahr fährt, bis zu ein Viertel
mehr für die Autoversicherung berappen als eine gleichaltrige Frau:
Statt 915,18 Euro fallen 1204,53 Euro Jahresbeitrag an, wie eine
Beispielrechnung des Gesamtverbandes der Deutschen
Versicherungswirtschaft (GDV) zeigt.

   Unterschiedliche Beiträge für Männer und Frauen gibt es nach
einer
EU-Studie in praktisch allen 27 Mitgliedsstaaten. Mal geht es um
Auto-, Reise- oder Lebensversicherung, mal um Renten- und
Krankenversicherungen. Im Juli 2010 richteten sich 13 Prozent aller
Beschwerden im Versicherungssektor gegen Benachteiligung wegen des
Geschlechts. Die meisten Verbraucher klagten über zu hohe Preise,
viele aber auch über schlechte Verträge und zusätzliche Prüfungen.

«Das Geschlecht ist ein ganz wesentlicher Faktor für
Benachteiligung», heißt es in der Studie.

   Dabei ist die Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein
ehernes Grundgesetz der EU und im EU-Vertrag verankert. Doch was auf
dem Papier steht, sieht in der Realität oft ganz anders aus. Frauen
verdienen immer noch fast ein Fünftel weniger als Männer mit dem
gleichen Job. In den Chefetagen sind Frauen immer noch die Ausnahme -
und selbst im Haushalt verbringen sie deutlich mehr Stunden mit
Abwaschen und Staubsaugen als Männer.

   Die höchsten europäischen Richter haben der Diskriminierung in
der
Versicherungsbranche nun einen Riegel vorgeschoben - und
möglicherweise den Weg für neue Ungerechtigkeiten bereitet. Bei
Neuverträgen muss von Ende 2012 an zwar jeder gleich viel bezahlen.
«Das heißt aber nicht notwendig, dass er am Ende gerechter behandelt
wird», sagt GDV-Sprecherin Una Großmann.

   Denn bei der Rentenversicherungen zahlten Frauen und Männer
künftig den gleichen Beitrag, am Ende bekämen Männer aber wegen ihrer

geringeren Lebenserwartung im Schnitt weniger Rente heraus als
Frauen. Für die Kfz-Haftpflichtversicherung könnte es bedeuten, dass
junge Frauen höhere Beiträge zahlen müssen - obwohl sie vorsichtiger

Auto fahren. Gerecht scheint das nicht.

   Grundsätzlich müssen aber nicht alle Beiträge steigen. «Si
e werden
sich irgendwo zwischen dem Männer- und dem Frauentarif treffen», sagt
eine Sprecherin der Versicherung Ergo. Schon 2008 seien die
Schwangerschafts- und Mutterschaftskosten in der Versicherung auf
beide Geschlechter verteilt worden. «Dies hat bei uns dazu geführt,
dass die Männer 4 bis 5 Prozent mehr Beitrag bezahlt haben und die
Frauen 10 Prozent weniger.»

   Verbraucherschützer verweisen auf die vor Jahren eingeführten

Unisex-Tarife bei der Riester-Rente: «Es geht also auch so», sagt
Bianca Boss, Sprecherin des Bundes der Versicherten (BdV). In jedem
Fall sollten Verbraucher nicht überhastet noch schnell Verträge nach
altem Recht abschließen: «Der Verbraucher sollte sich nicht wild
machen lassen, dass die Versicherung nach den Unisex-Tarifen viel
teurer wird.»

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## Redaktioneller Service
- Rechtssache C-236/09

## Internet
- [EuGH-Urteil und Schlussantrag]( http://dpaq.de/xEnzJ)
- [Mitteilung des Gerichts]( http://dpaq.de/Q6oIN)
- [EU-Studie über Benachteiligung](http://dpaq.de/D32Tt)

## Orte
- [Europäischer Gerichtshof](Rue du Fort Niedergruenewald, 2925
Luxemburg)

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