Drucken gegen Corona: Industrie und Netzwerke setzen auf 3D-Technik Von Matthias Arnold, dpa

Masken aus dem Drucker: Während die Industrie viele Anlagen
runterfahren muss, laufen ihre 3D-Drucker vielerorts
im Schichtbetrieb und produzieren Kunstoffvisiere. Rund um die
Maschinen ist in der Krise fast eine soziale Bewegung entstanden.

Berlin (dpa) - Die Nachfrage nach pneumatischen Ventilen war schon
einmal größer. Die Bauteile werden etwa für Motoren und Getriebe
großer Lastwagen benötigt. Doch in der Corona-Krise sind Lieferketten
unterbrochen, die Autoproduktion ist vielerorts runtergefahren.
Deshalb stehen auch beim Berliner Zulieferer Vielmetter, der unter
anderem solche Ventile herstellt, Anlagen still. «Wir verzeichnen im
Moment einen Produktionsrückgang von 50 bis 60 Prozent», sagt
Geschäftsführer Olaf Jelken.

Das Unternehmen mit rund 50 Beschäftigten beliefert den Weltmarkt und

profitiert davon, dass Asien allmählich wieder hochfährt. «Deshalb
sind wir noch nicht bei null», sagt Jelken. «Aber das kann immer noch
passieren.» Wie viele andere Industrie-Unternehmer suchte er deshalb
nach Alternativen. Für seine 3D-Drucker, mit denen ansonsten
Prototypen der Ventile und Getriebeanwendungen gedruckt werden, hat
Jelken bereits eine neue Verwendung gefunden: Sein Unternehmen
produziert mit den Maschinen nun Gesichtsvisiere aus Kunststoff, die
in der Corona-Krise etwa von Zahnärzten oder Friseuren genutzt
werden.

«Am Anfang dachte ich, wir können damit jetzt ein bisschen auf der
Berliner Ebene helfen», sagt Jelken. Doch die Nachfrage sei enorm
gewachsen. Inzwischen verfüge er mit einem weiteren Partner über rund
50 3D-Drucker und liefert die Masken bundesweit. Weitere
Kooperationen sind geplant. «Wir haben schon vor, dass das ein
Standbein bleibt», sagt Jelken. Dafür habe er einen größeren
Vertriebspartner gesucht, um Kontakte und ein Netzwerk aufbauen zu
können.

Die Nachfrage nach im 3D-Drucker hergestellten Produkten für die
Corona-Krise scheint so hoch zu sein, dass selbst Industriekonzerne
mitmachen. Spanische Mitarbeiter des Zulieferkonzerns Continental
etwa haben nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie
3D-Drucker mit ins Homeoffice genommen und stellen dort seither
Visiere her.

Auch Siemens hat sein 3D-Druck-Netzwerk geöffnet, um in der
Corona-Krise die schnelle Herstellung von Ersatzteilen für
Medizinprodukte zu ermöglichen. 120 Drucker stehen zur Verfügung,
teilte der Konzern vor wenigen Wochen mit. Dabei gehe es auch um
Beatmungsgeräte oder Atemmasken, bei denen spezielle Teile fehlten.

3D-Drucker sind aber nicht ausschließlich Sache der großen Industrie.
Auch in Hochschulen, offenen Werkstätten und nicht zuletzt in vielen
Privathaushalten kommen sie zum Einsatz. Rund um die Maschinen, die
aus Plastikschnüren - dem sogenannten Filament - praktisch jeden
Gegenstand fertigen können, ist in Corona-Zeiten so etwas wie eine
soziale Bewegung entstanden.

Im ganzen Land haben Menschen mit technischem Sachverstand bereits
bestehende Initiativen zu überregionalen Netzwerken erweitert. Sie
bündeln die Nachfrage an den unterschiedlichen Orten, koordinieren
das Angebot sowie die Verteilung der notwendigen Rohstoffe und den
Versand der fertigen Masken. Um Geld geht es ihnen dabei nicht.

Die wohl größte Initiative dieser Art in Deutschland heißt Maker vs.

Virus - Macher gegen das Virus. Fast 6800 Teilnehmer seien dort
bereits registriert, sagt Sprecher Alexander Klarmann. Viele
Privatleute, aber auch Hochschulen und lokale Netzwerke, die gleich
mehrere Drucker bereitstellen könnten, machten mit.

«Der Großteil der Nachfrage ist lokaler Art», sagt Klarmann. Und si
e
sei bunt gemischt: Zahnärzte, Altenpflegeheime, Dialysezentren oder
Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen - sie alle versuchen,
mit Hilfe der Plastikvisiere ihre Mitarbeiter zumindest ansatzweise
zu schützen.

Die Nachfrage ist so groß, dass die Netzwerke inzwischen einen
Engpass beim Material feststellen. Für das Filament, aus dem im
Drucker die Kopfteile der Visiere entstehen, gebe es genügend
Hersteller, um den Bedarf sicherzustellen, sagt Klarmann von Makers
vs. Virus. «Schon länger ein Problem sind allerdings die Visiere
selbst.»

Sie werden oft aus großen Folienrollen herausgeschnitten. Doch für
die Unternehmen, die diese Rollen herstellen, sei die angefragte
Stückzahl häufig zu klein, um speziell für diesen Markt zu
produzieren, sagt Klarmann. Die Netzwerke setzen deshalb auf das, was
da ist: Kunststoffplatten aus dem Baumarkt oder auch Din-A4-Folien
für Overhead-Projektoren.

Einen medizinischen Schutz bieten die Visiere - so wie die
gewöhnlichen Stoffmasken - nicht. Egal, ob sie aus dem
Industriedrucker kommen oder dem eigenen. «Deshalb heißt es bei uns
auch Gesichtsvisier», sagt Olaf Jelken von Vielmetter. Den Nutzern
vermitteln sie in der Krise aber zumindest etwas Sicherheit.

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