Ungewollt schwanger und jetzt? Der Weg zum Abbruch kann lang sein Von Stefanie Järkel, dpa

Schwangerschaftsabbrüche sind bis heute ein Tabu-Thema. Die teilweise
lückenhafte Versorgung im Südwesten belastet Frauen zusätzlich. Die
diskutierte Entkriminalisierung könnte das Angebot verbessern.

Stuttgart/Mannheim (dpa/lsw) - Charlotte ist 33 Jahre alt, als sie
schwanger wird - ungeplant und ungewollt. «Ich musste mich
entscheiden, ob ich das Baby haben wollte und mich scheiden lassen
oder einen Schwangerschaftsabbruch und bei meinem Mann bleiben und
versuchen, die Dinge zu klären.» Charlotte - die eigentlich anders
heißt - ist damals unglücklich verheiratet und schwanger von einem
Mann, mit dem sie eine Affäre hat. Sie entscheidet sich für die Ehe
und gegen das Baby. «Es war nicht die richtige Zeit mit der richtigen
Person, was traurig war. Aber ich bin froh, dass wir diese
Möglichkeit hatten.» Sie lässt die Schwangerschaft nach einer
Beratung bei Pro Familia in einer Klinik im Raum Stuttgart beenden.

Charlotte hat keine Probleme, einen Termin für die Beratung zu
bekommen - und auch keine Probleme, einen Abbruch zu vereinbaren. Der
Großraum Stuttgart ist nach Angaben des Beratungsstellen-Verbunds Pro
Familia noch verhältnismäßig gut versorgt - im Gegensatz zu
ländlicheren Gebieten.

Nach einer aktuellen Studie steht Baden-Württemberg im bundesweiten
Vergleich beim Angebot für Schwangerschaftsabbrüche schlecht da. In 8
von 44 Landkreisen würden «nicht die Kriterien für eine angemessene
Erreichbarkeit erfüllt», schrieb der Forschungsverbund ELSA im April.
Ähnlich schwierig sieht es demnach nur in Rheinland-Pfalz und
Nordrhein-Westfalen aus - Bayern steht noch deutlich schlechter da.
Zum Forschungsverbund gehört unter anderem die Universität Ulm sowie
das Sozialwissenschaftliche Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen
Freiburg. Als angemessene Erreichbarkeit definieren die Forscher 40
Minuten Fahrtzeit mit dem Auto. 

Weiße Flecken auf der Landkarte

Auch Pro Familia spricht von weißen Flecken auf der Landkarte: Nach
eigenen Daten ist es in 11 von 44 Landkreisen nicht möglich,
Schwangerschaften durch Medikamente oder eine Operation in den ersten
zwölf Wochen der Schwangerschaft abzubrechen. In Ravensburg werde
diese Möglichkeit den Frauen ebenso verwehrt wie in den Landkreisen
Biberach und Heidenheim, im Main-Tauber-Kreis und im Hohenlohekreis.
«Da sieht es nach unseren Erhebungen auch schlecht aus», sagt die
Landesgeschäftsführerin des Beratungsstellen-Verbunds, Gudrun Christ.

Bei einem medikamentösen Abbruch nimmt die Frau Tabletten ein. Beim
chirurgischen hingegen wird je nach Technik der Embryo abgesaugt und
die Gebärmutter ausgeschabt.

Diese beiden Möglichkeiten sollten aus Sicht von Pro Familia in jedem
Landkreis gegeben sein. Auch die Diakonie Württemberg als Anbieter
von Schwangerschaftskonfliktberatung schließt sich der Forderung an.
Um die Versorgung der Frauen zu sichern, müsse die Landesregierung
etwa Einfluss auf die kommunalen Kliniken nehmen, damit Abbrüche
entsprechend angeboten würden, sagt Christ.

Sozialministerium äußert sich zurückhaltend

Das Sozialministerium äußert sich zurückhaltend: «Wir sehen das der

Studie zugrunde liegende Kriterium für eine angemessene
Erreichbarkeit kritisch. Die genannten 40 Minuten mit dem Pkw sind
aus unserer Sicht sehr niederschwellig und willkürlich gegriffen.
Daher halten wir die pauschale Schlussfolgerung einer «schlechteren»
Ausstattung für fragwürdig.» Zudem verweist das Ministerium auf eine

grundsätzlich mangelhafte Datenlage, unter anderem weil es keine
Meldepflicht für Ärztinnen und Ärzte gibt, die Abbrüche anbieten.
2021 habe das Land eine «weitgehend flächendeckende, noch
ausreichende Versorgung festgestellt». Allerdings sei bekannt, dass
die Versorgung schlechter werde.

Das Ministerium sei deswegen unter anderem mit den Kliniken im Land
im Gespräch. Außerdem habe sich das Ministerium auf Bundesebene unter
anderem dafür ausgesprochen, in der Ausbildung von Medizinern
grundlegender auf das Thema Schwangerschaftskonflikt einzugehen - und
der Tabuisierung von Abbrüchen entgegenzuwirken.

Marc Sütterlin, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum
Mannheim, kritisiert ebenfalls, dass es keinen genauen Überblick
darüber gibt, wer Abbrüche anbietet. Ein möglicher Grund, warum
Mediziner sich nicht registrierten, könne die Sorge vor einer
Stigmatisierung sein, sagt Sütterlin. Um der Tabuisierung des Themas
entgegenzuwirken, müssten Ärzte in der Ausbildung nicht nur fachlich
auf das Thema vorbereitet werden. «Ich glaube, dass man Studierenden
von Anfang an ein Stück weit mitgeben muss, dass auch das eine Form
sein kann, Frauen, Paaren und Familien in einer existenziellen
Notsituation zu helfen» - und den Fokus insbesondere auch auf die
Frau zu richten, die Hilfe brauche.

Schwangerschaftsabbrüche grundsätzlich rechtswidrig

In Deutschland sind Schwangerschaftsabbrüche laut Paragraf 218 des
Strafgesetzbuchs grundsätzlich rechtswidrig. Allerdings gibt es
Ausnahmen: So bleibt etwa ein Abbruch in den ersten zwölf Wochen der
Schwangerschaft straffrei, wenn die Frau sich zuvor nach der
Beratungsregelung beraten lässt. Ohne Strafe bleibt ein Abbruch
zudem, wenn medizinische Gründe vorliegen oder wenn er wegen einer
Vergewaltigung vorgenommen wird. 

Aktuell gibt es verstärkt wieder die Diskussion, den Paragrafen 218
abzuschaffen: Im April empfahl eine von der Bundesregierung
eingesetzte Kommission, Abtreibungen in den ersten Wochen einer
Schwangerschaft zu entkriminalisieren.

Strafen für Gehsteigbelästigungen von bis zu 5.000 Euro

Mediziner Sütterlin sagt, wenn der Gesetzgeber festschreibe, dass
etwas rechtswidrig sei, könne das auch die Ablehnung in Teilen der
Gesellschaft fördern. So gibt es auch im Südwesten immer wieder
Aktionen von Abtreibungsgegnern vor Kliniken, Beratungsstellen oder
auch Arztpraxen, bei denen ungewollt Schwangere belästigt werden. Der
Bundestag hat Anfang Juli ein entsprechendes Verbot dieser
Gehsteigbelästigungen auf den Weg gebracht - mit Strafen von bis zu
5.000 Euro.

Charlotte ist heute 38 Jahre alt. Der Schwangerschaftsabbruch sei die
richtige Entscheidung gewesen, sagt sie. «Es war eine schwierige
Sache für mich durchzumachen und eine schwierige Entscheidung zu
treffen.» Aber mit ihrem Mann sei sie anschließend in Paartherapie
gegangen. Dort habe sie auch mit professioneller Hilfe den Abbruch
aufarbeiten können. Heute hat das Paar zwei gemeinsame Kinder. 

 

 

 

 

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