Tiktok und Co: Wissenschaftler sorgen sich um Teenager Von Maximilian von Klenze, dpa
Mehr als ein Viertel aller 10- bis 17-Jährigen geht riskant oder
krankhaft mit digitalen Medien um. Einer von 20 gilt als süchtig.
Forscher sagen schon einen «Tsunami an Suchtstörungen» voraus.
Hamburg/Berlin (dpa) - Von Tiktok und Instagram bis zu Gaming und
YouTube: Auch Jahre nach Ende der Corona-Krise haben noch immer sehr
viele Teenager in Deutschland ein besorgniserregendes Verhältnis zu
digitalen Medien. Das geht aus einer Studie der Krankenkasse DAK und
des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) hervor.
«Hier kommt ein Tsunami an Suchtstörungen bei Jugendlichen auf uns
zu, den wir aus meiner Sicht völlig unzureichend würdigen», sagte
Prof. Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für
Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) vom UKE.
Deutlich höhere Raten als bei Alkohol oder Cannabis
Der Untersuchung zufolge zeigen mehr als ein Viertel aller 10- bis
17-Jährigen eine riskante oder krankhafte Nutzung sozialer Medien,
4,7 Prozent gelten sogar als süchtig. «Die Werte mit Blick auf
problematischen Mediengebrauch liegen um das Fünf- bis Fünfzigfache
höher als bei riskantem Cannabis- oder Alkoholkonsum in dieser
Altersgruppe», sagte Thomasius der Deutschen Presse-Agentur.
Zwar wirke Mediennutzung im Gegensatz zu Alkohol oder Cannabis
lediglich indirekt auf das zentrale Nervensystem ein, doch die
Effekte auf das Belohnungssystem im Gehirn seien dieselben.
In beiden Fällen bestehe die Suchtgefahr, «dass immer mehr desselben
gesucht wird und es zu einem Kontrollverlust kommt», erklärte
Thomasius. «Die enorme zeitliche Beanspruchung durch die
Mediennutzung führt dann dazu, dass andere Lebensbereiche
vernachlässigt werden.»
Symptome und Folgen der Mediensucht
Ein Kontrollverlust über das eigene Medienverhalten könne gravierende
Auswirkungen auf das Leben Jugendlicher haben. In vielen Fällen komme
es zu Leistungseinbrüchen in der Schule, nicht selten bis hin zum
Schulversagen. Hinzu kämen soziale Isolation, der Verlust von
Freizeitinteressen und familiäre Konflikte.
Besonders betroffen sind laut der Studie Jungen: 6 Prozent von ihnen
erfüllen die Kriterien einer krankhaften Mediennutzung, während es
bei den Mädchen mit 3,2 Prozent rund halb so viele sind. Mädchen
verfügten in der Pubertät häufig über ausgeprägtere soziale
Kompetenzen, sagte Thomasius. Sie seien ihrer Geschlechterrolle
entsprechend anders sozialisiert und isolierten sich seltener als
Jungen - ein wichtiges Merkmal starker Suchtentwicklung.
Fließender Übergang zwischen riskanter und krankhafter Nutzung
Die Abgrenzung zwischen riskanter und krankhafter Mediennutzung sei
nicht immer eindeutig, so Thomasius. «Ein typisches Frühsymptom ist
der Leistungsknick in der Schule und nachlassendes Interesse am
Unterricht.» Allerdings könne hinter solchen Auffälligkeiten auch
eine pubertäre Krise stehen oder emotionale Belastungen, die aus
Stress unter Schulfreunden resultierten.
Als krankhaft gilt die Nutzung spätestens dann, wenn die Symptome
über mindestens zwölf Monate hinweg anhalten. Die Studie verwendet
bewusst das Zwölf-Monats-Kriterium, um vorschnelle Diagnosen zu
vermeiden und eine Abgrenzung zu vorübergehenden Krisen in der
Pubertät zu gewährleisten.
Wie Eltern gegensteuern können
Trotzdem betonte Thomasius, dass Eltern bereits deutlich früher, bei
riskanter Nutzung eingreifen sollten. Hier komme es entscheidend auf
das Gespür der Eltern an und auf eine gute Eltern-Kind-Beziehung.
Neben einer konsequenten zeitlichen und inhaltlichen Regulierung der
Mediennutzung sei es besonders wichtig, dass Eltern Interesse an den
Online-Aktivitäten ihrer Kinder zeigen, so der Experte. «Sie sollen
anleiten. Sie sollen gute Mentoren und Moderatoren sein.»
Viele Eltern überfordert
Allerdings zeigt die Studie auch, dass viele Eltern mit der
Medienerziehung überfordert sind. Die Anforderungen für eine gute
Medienerziehung der Kinder seien ausgesprochen hoch, sagte Thomasius.
Es brauche sowohl eigene Medienkompetenz als auch ein hohes Maß an
erzieherischer Konsequenz. «Das ist ein zeitaufwendiger Prozess, der
Geduld und einen Wissensvorsprung gegenüber den eigenen Kindern
erfordert - gerade bei der Einschätzung medialer Gefahren», so
Thomasius.
Viele Eltern würden diesen Anforderungen nicht gerecht: Etwa 40
Prozent von ihnen kümmern sich laut Studie nicht hinreichend darum,
die Mediennutzung der eigenen Kinder zeitlich einzuschränken. Ein
Viertel der Eltern moderiere die Inhalte nicht, welche die eigenen
Kinder im Netz aufsuchen. «Das ist ja eigentlich ein erschreckender
Befund.»
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