Gut hören ohne Hörgerät - Jubiläum für Cochlear Centrum in Dresde n Von Simona Block, dpa

Ein Cochlear-Implantat gibt tauben Kindern oder Erwachsenen die
Möglichkeit, hören zu können. Geschätzt rund 60.000 Menschen konnte

bisher damit geholfen werden.

Dresden (dpa) - Eines stellt HNO-Arzt Konstantin Heckschen gleich
ganz zu Beginn klar, als er die Funktion eines Cochlear-Implantats
(CI) beschreibt: «Es ist ein künstliches Ohr, kein natürliches Ohr.
»
Der gebürtige Dresdner gehört selbst zu denen, die nicht hören
können, ihm fehlte dieser Sinn schon bei der Geburt. 

Dennoch konnte er normal zur Schule gehen und Medizin studieren. Denn
Heckschen gehört zu den Menschen, die mittels eines
Cochlear-Implantats hören. Es ersetzt das Ohr nicht, wie der frühere
Dresdner HNO-Professor Karl-Bernd Hüttenbrink sagt. Das bleibt taub,
aber das Implantat übernehme dessen Funktion.

Heckschen war erster Patient in Dresden

Das Innenohrimplantat ist mit einem Sprachprozessor verbunden, der
aussieht wie ein Hörgerät und hinter dem Ohr getragen wird, am Kopf
ist eine magnetische Sendespule. Der Klang wird über Mikrofon
aufgenommen und in elektrische Impulse umgewandelt. Sie gelangen ans
Innenohr und reizen wie beim natürlichen Gehör auch den Hörnerv. Das

Gehirn ordnet diesen Reiz einem Klang zu - Musik, Sprache oder
Geräusche.

Heckschen war 1995 der erste Patient des Sächsischen Cochlear Implant
Centrums am Universitätsklinikum Dresden. Er bekam den «kleinen Mann
im Ohr» als Zweijähriger. 

«Am Anfang kam die Sprache als Kauderwelsch zusammen; es hörte sich
an wie ein kaputtes Radio», erinnert er sich. Er musste erst lernen,
Vokale und Laute zu erkennen, um die Information zum Wort zu
erhalten. «Das ist wie eine Fremdsprache, die man lernen muss, und
Signale als Sinn zu verstehen.»

CI schon für Säuglinge mit angeborener Taubheit

Heute bekommen taub geborene Kinder schon im ersten Lebensjahr ein
Implantat, weil das Gehirn nur durch Stimulation wächst, sagt
Hüttenbrink, der auch Heckschen behandelte. Wenn es nicht
funktioniert, verkümmere das Gehirn. «Nach dem vierten Lebensjahr ist
es zu spät, dann wird das Kind keine normale Sprache lernen.» 

Hüttenbrink baute Ende der 1980er Jahre in Münster ein CI Centrum auf
und gründete nach seinem Wechsel 1993 als HNO-Chef ans Dresdner
Uniklinikum ein weiteres. «Es war das erste in den neuen
Bundesländern.» Bisher wurde dort mehr als 2.500 Menschen zum Hören
verholfen - wieder oder überhaupt erst. 

Pro Jahr werden zwischen acht und zwölf Kindern schon in einem Alter
von einem halben bis zum Ende des ersten Lebensjahres operiert, wie
Oberarzt Marcus Neudert sagt. Dazu kämen 140 Menschen, die durch
fortschreitende Schwerhörigkeit, einen Hörsturz oder andere Ursachen
keinen Nutzen mehr von einem konventionellen Hörgerät haben.
Integriert ist dort auch die nötige Rehabilitation zur Anpassung, um
mit dem Gerät hören zu lernen. 

Inzwischen Neugeborenen-Hörscreening in Deutschland

Für Heckschen, der am Klinikum Bad Hersfeld arbeitet, ist das ganz
normal. «Von Geburt an taube Kinder kennen den Unterschied zum
natürlichen Gehör ja nicht», sagt er. «Als Kind habe ich nichts
gehört, zwar immer verstanden, was meine Eltern von mir wollten, aber
auch nicht gesprochen.» Seine Eltern entschieden sich dann für die
Operation, die mittlerweile Routine ist. 

Inzwischen wird bei Neugeborenen geprüft, ob akustische Signale
verarbeitet werden. «Wenn sie auffällig sind, rutschen sie in ein
spezielles Hörscreening; ist der zweite Test es auch, werden sie an
ein CI-Zentrum vermittelt», sagt Heckschen. Ältere Patienten kommen,
wenn es trotz Hörgerät schwierig wird, Geräusche voneinander zu
trennen. Und Heckschen kann mit seiner Erfahrung die Patienten von
einem Implantat überzeugen.

Außenstehende merken ihm nichts an. «Meine Eltern haben täglich sehr

viel mit mir geübt, das kann nichts anderes ersetzen.» Für seine
Patienten ist er der lebende Beweis, «dass man auch mit einem CI sehr
gut hören, ein normales Leben führen kann». Es sei kein perfektes,
aber «ein sehr gutes» Ohr, mit dem 90 Prozent des Alltags gut zu
bewältigen seien.

Etwa 60.000 Menschen in Deutschland hören dank CI

Die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde schätzt,
dass etwa 5.000 Patienten pro Jahr ein CI erhalten und bisher etwa
60.000 Menschen mit einem Cochlear-Implantat versorgt wurden, wie
Präsident Timo Stöver sagt. Rund 100 Kliniken bundesweit führen die
Operationen durch, rund 50 Kliniken sind dafür zertifiziert. 

Nach Schätzungen könnten bis zu einer Million Menschen in Deutschland
von dem System profitieren. Das sind Gehörlose, aber auch Menschen,
die trotz Hörgeräts nur weniger als 60 Prozent der Sprache verstehen,
sagt Stöver. In Sachsen gibt es laut Neudert an die 45.000 Menschen
mit einer hochgradigen oder an Taubheit grenzenden Schwerhörigkeit.

Exzellenzforschung zur Technologie in Dresden

Bei den Sprachprozessoren der CIs gab es in der Vergangenheit viele
Technologiesprünge, auch befördert durch die Hörgeräteindustrie und

-technologie, mit Störgeräuschunterdrückung, Richtmikrofonsteuerung
oder Streamingfunktion, wie Neudert sagt. Zum Thema Künstliche
Intelligenz für Spracherkennung und Implantate wird in Dresden
Exzellenzforschung betrieben und geschaut, «inwieweit Signale genutzt
werden können zur Vorinformation und Nutzbarmachung in der
Kommunikation».

Der Bedarf wird laut DGHNO-Präsident Stöber angesichts höherer
Lebenswartung zunehmen, allein durch Altersschwerhörigkeit. «In der
Kommunikationsgesellschaft sind wir darauf angewiesen, dass Hören
funktioniert.» Gutes Hören könne auch das Auftreten von Demenz
positiv beeinflussen und sei in gesellschaftlichem Interesse wichtig.
«Autonomie und selbstbestimmte Lebensführung verursachen weniger
Kosten.»

Online-Wechsel: In drei Minuten in die TK

Online wechseln: Sie möchten auf dem schnellsten Weg und in einem Schritt der Techniker Krankenkasse beitreten? Dann nutzen Sie den Online-Beitrittsantrag der TK. Arbeitnehmer, Studenten und Selbstständige, erhalten direkt online eine vorläufige Versicherungsbescheinigung. Die TK kündigt Ihre alte Krankenkasse.

Jetzt der TK beitreten





Zur Startseite