Der Fall Letby: Monströse Mordserie oder fatales Fehlurteil? Von Christoph Meyer, dpa

Die britische Krankenschwester Lucy Letby wurde wegen des Mords an
sieben Babys und versuchten Mords an sieben weiteren zu lebenslanger
Haft verurteilt. Doch es gibt wachsende Zweifel an dem Prozess.

Manchester (dpa) - «Monster auf Station», «Großbritanniens schlimms
te
Kindermörderin» und «Augen des Bösen»: Als Lucy Letby im August 2
023
von einer Jury wegen des Mordes an sieben Babys und des versuchten
Mordes weiterer verurteilt wird, überbieten sich die Blätter mit
Schlagzeilen. Die inzwischen 35 Jahre alte Kinderkrankenschwester
wird zu fünfzehnfach lebenslanger Haft verurteilt, eine Entlassung
ist ausgeschlossen.

Doch eineinhalb Jahre nach dem Ende des aufsehenerregenden Prozesses
wachsen die Zweifel an dem Urteil. Experten äußern massive Kritik an
der Beweisführung der Staatsanwaltschaft. Ein Gremium weltweit
führender Neonatologen und anderer Experten stellt sich sogar auf den
Standpunkt, es habe keinen einzigen Mord gegeben. 

Korrelation zwischen Todesfällen und der Anwesenheit Letbys

Doch wie konnte es dazu kommen? Die Krankenschwester gerät ins Visier
polizeilicher Ermittlungen, nachdem es auf der Intensivstation für
Neugeborene des Countess of Chester Hospital im Nordwesten Englands
zu einer Häufung an Todesfällen kommt. Es sind Kinder, die teilweise
viel zu früh oder unter schwierigen Umständen zur Welt kommen. Im
Jahr 2015 sterben acht und in der ersten Hälfte des darauffolgenden
Jahres fünf Kinder. In den vier Jahren davor hatte es jeweils nur ein
bis drei Todesfälle gegeben. 

Zwar ergeben weder Obduktionen noch eine externe Untersuchung der
Häufung Hinweise auf strafbares Verhalten, doch zwei Ärzte auf der
Station wittern, dass etwas faul sein könnte. Sie erkennen eine aus
ihrer Sicht verdächtige Korrelation zwischen Todesfällen und der
Anwesenheit Letbys. Die erfahrene Krankenschwester, die häufig für
andere einspringt, ist oft dabei, wenn sich ein Todesfall ereignet.
Das könne kein Zufall sein, finden die Ärzte und wenden sich zunächst

an die Krankenhausverwaltung und als sie damit nicht weiterkommen,
direkt an die Polizei. 

«Operation Hummingbird» 

Obwohl Letby niemals auf frischer Tat ertappt wird, nehmen die
Ermittler die Vorwürfe ernst und setzen eine Kommission mit dem Namen
«Hummingbird» ein. Warnungen eines Statistikexperten vor
Schlussfolgerungen auf Grundlage des Dienstplans werden in den Wind
geschlagen. 

Ein Dokument, das Dienstplan und Todesfälle in einen Zusammenhang
bringt und den Geschworenen im Gericht als Beweis vorgelegt wird,
gilt inzwischen als höchst problematisch, weil es Vorfälle auslässt,

während denen Letby nicht arbeitet.

Ein professioneller medizinischer Gerichtsgutachter und Kinderarzt im
Ruhestand, der von den Ermittlungen in der Zeitung liest, bietet der
Staatsanwaltschaft seine Dienste an. Dr. Dewi Evans will in den
medizinischen Akten der gestorbenen Neugeborenen sehr rasch etliche
Morde erkennen und wird zum wichtigsten Experten der Anklage. «Ich
ging die ganzen Fälle durch und dachte, oh mein Gott, da ist etwas
sehr Verdächtiges hier, diese Babys hätten nicht sterben dürfen»,
sagt er später in einem Interview mit der BBC. Doch ein klarer Beweis
fehlt.

Subtile Tötungsmethoden und dämonische Berechnung

Dr. Evans schlussfolgert, dass die Morde mit sehr subtilen Methoden
und mit geradezu dämonischer Berechnung durchgeführt worden sein
müssen. Babys wurde Luft in die Blutbahn gespritzt oder durch die
Nasensonde in den Magen eingeführt, stellt er fest. Insulin sei in
überhöhter Dosis verabreicht oder die Kinder seien schlicht zu Tode
gefüttert worden. Für das alles soll Letby verantwortlich gewesen
sein. 

Doch Evans Erklärungen der Todesfälle gelten unter Experten als
höchst umstritten, ja geradezu abwegig. So beruft sich der Mediziner
etwa maßgeblich auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung über
Luftembolien aus dem Jahr 1989, in der Verfärbungen der Haut
beschrieben werden, die an die Todesfälle im
Countess-of-Chester-Krankenhaus erinnern. Als einer der Autoren des
Papers, Dr. Shoo Lee, ein führender Neonatologe aus Kanada davon
erfährt, ist er entsetzt. Evans habe seine Erkenntnisse vollkommen
falsch interpretiert. 

Doch für Letby kommt das zu spät. Ihr wird unter anderem zum
Verhängnis, dass ihr Anwalt es versäumt, eigene Experten ins Feld zu
führen. In Großbritannien werden Experten nicht vom Gericht bestellt,
sondern von den Anwälten beider Seiten eingebracht. Sie arbeiten auf
Honorarbasis. Bei dem zehn Monate dauernden Prozess werden von der
Verteidigung aber lediglich Letby selbst und ein Klempner in den
Zeugenstand gerufen, der über Abwasser-Probleme Zeugnis ablegen
soll. 

«Wir haben keine Morde festgestellt.»

Den emeritierten Professor Lee lässt der Fall nicht los. Er beruft
ein Gremium aus 14 der renommiertesten Mediziner und Experten für
Neonatologie aus der ganzen Welt zusammen, die sich bereiterklären,
ohne Vergütung Gutachten zu erstellen. Darunter ist auch der deutsche
Professor Helmut Hummler. Der Neonatologe ist Senior Medical Director
der European Foundation for the Care of Newborn Infants in München.
 

Je zwei Experten beschäftigen sich mit zwei der 14 Fälle, in denen
Letby wegen Mordes oder versuchten Mordes verurteilt wurde. «In
beiden Fällen ist das, was da von Seiten der Anklage vorgebracht
wurde, aus meiner Sicht nicht zutreffend oder extrem
unwahrscheinlich», sagt Hummler im Gespräch mit der Deutschen
Presse-Agentur über die von ihm in Einsicht genommenen
Patientenakten. Es gebe «überhaupt keinen plausiblen Anhalt dafür»,

dass jemand die Komplikationen absichtlich herbeigeführt habe. In
einem der Fälle, bei dem das Kind starb, sehe er andere Probleme, die
zum Tod geführt haben.

Lees Gremium kommt in allen 14 Fällen zu diesem Ergebnis. «Wir haben
keine Morde festgestellt. In allen Fällen waren Tod oder Verletzung
auf natürliche Ursachen oder einfach schlechte medizinische
Versorgung zurückzuführen», sagte Lee bei einer Pressekonferenz in
London Anfang Februar. Mehr noch: Die Experten stellen in manchen
Fällen gravierende Behandlungsfehler durch Ärzte fest und sie
bestätigen das Bild einer teils chaotischen Station, deren
Mitarbeiter überarbeitet und überfordert waren.

Die Entscheidung über einen neuen Prozess kann Jahre dauern

Zu Letbys Verurteilung führen neben einer Reihe anderer Indizien auch
handgeschriebene Notizen, auf denen sie etwa festhielt: «Ich bin
böse, ich habe das getan.» Ihre Erklärung, dass sie, mit den
Vorwürfen konfrontiert, in psychische Schwierigkeiten geriet und auf
Anraten eines Psychologen ihre wirren Gefühle aufschrieb, überzeugen
die Jury aber nicht.

Ob der Fall noch einmal vor Gericht verhandelt wird, ist ungewiss.
Nach Ausschöpfung des Rechtswegs ruht ihre letzte Hoffnung nun auf
einer Justiz-Kommission, die darüber entscheiden soll, ob der Fall
neu aufgerollt werden muss. Doch das kann Jahre dauern.

Polizei und Justiz beschäftigen sich unterdessen mit der Frage, warum
die verurteilte Serienmörderin Letby nicht früher gestoppt wurde. Bei
einer öffentlichen Untersuchung dazu werden in diesen Tagen die
Schlussplädoyers erwartet. Gegen mehrere Kollegen Letbys werde wegen
fahrlässiger Tötung ermittelt, teilte die Polizei kürzlich mit.
Beides fußt auf der Annahme, dass ihre Verurteilung rechtmäßig war.
Aber was, wenn nicht?

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