Gletscherschwund ist «Frage des Überlebens» für Menschheit Von Christiane Oelrich, dpa

Die Eisschmelze hat weltweit teils verheerende Auswirkungen. Die
Vereinten Nationen werfen 2025 ein Schlaglicht auf die Misere. Der
21. März ist der erste internationale Tag zum Erhalt der Gletscher.

Genf (dpa) - Weltweit schrumpfen viele der rund 275.000 Gletscher mit
alarmierender Rate, sowohl im Gebirge als auch in den polaren
Regionen. Zwischen 2012 und 2023 war der Schwund 36 Prozent größer
als in den zehn Jahren davor, zeigt eine Studie der Schweizer
Universität Fribourg. Hauptursache ist der menschengemachte Ausstoß
von Treibhausgasen, die das Klima erwärmen. Um die Menschheit
wachzurütteln, haben die Vereinten Nationen den 21. März neu zum
Welttag der Gletscher erklärt. 

Einige der gravierendsten Folgen des Gletscherschwundes:

Trinkwasser

Gletscherschmelzwasser ist ein entscheidender Bestandteil zur
Versorgung der Weltbevölkerung mit Trinkwasser. Sie als
Trinkwasserquellen zu erhalten, sei eine Frage des Überlebens für die
Menschheit, warnt Gletscherforscher John Pomeroy von der kanadischen
Universität Saskatchewan. 

Gletscher sind Reservoire, Schmelzwasser nährt etwa in heißen
Jahreszeiten Flüsse, die auch zur Bewässerung von Landwirtschaft
genutzt werden. Zunächst wächst die Wassermenge durch die
schmelzenden Gletscher, aber in Europa könnte der Höhepunkt schon
überschritten sein, sagt Gletscherexperte Daniel Farinotti, Professor
an der Universität ETH in Zürich und der Eidgenössischen
Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). 

«Die 273 Milliarden Tonnen Eis, die in einem einzigen Jahr (durch
Gletscherschmelze) verloren gehen, entsprechen dem Wasserverbrauch
der gesamten Weltbevölkerung während 30 Jahren, wenn man von drei
Litern pro Person und Tag ausgeht», zitiert die Universität Zürich
den Glaziologen Michael Zemp.

Am Eingang des Genfersees in der Schweiz macht Wasser des
Rhone-Gletschers über das Jahr gerechnet etwa 15 Prozent aus, sagt
Farinotti. In Europa stammt ein Großteil des Trinkwassers aus
Grundwasser, das vor allem aus Niederschlägen gespeist wird. Welche
Rolle Schnee- und Eisschmelze genau für das Grundwasser spielen, wird
noch erforscht.

Meeresspiegelanstieg

Die Gletscher haben weltweit seit dem Jahr 2000 jedes Jahr rund 273
Milliarden Tonnen Eis verloren, heißt es in einer neuen Studie unter
Leitung der Universität Zürich. Das habe 18 Millimeter zum
Meeresspiegelanstieg beigetragen. Darin ist nicht das Schmelzen der
kontinentalen Eisschilde Grönlands und der Antarktis berücksichtigt.
 

Der jährliche Meeresspiegelanstieg hat sich verglichen mit dem
durchschnittlichen Wert des 20. Jahrhunderts seit 2006 auf rund 3,6
Millimeter mehr als verdoppelt, berichtete die US-Klimabehörde Noaa
2023. Tendenz: steigend. Neben Gletscher- und Eisschmelze trägt dazu
auch die Ausdehnung des Meerwassers durch Erwärmung bei. Die Noaa
geht davon aus, dass der Meeresspiegel Ende des Jahrhunderts rund 30
Zentimeter höher liegt als im Jahr 2000, selbst, wenn die
Treibhausgasemissionen in den kommenden Jahrzehnten auf relativ
niedrigen Niveau bleiben.

Bei höherem Meeresspiegel werden Inseln und Küstengebiete überspült
,
Wohngebiete unbewohnbar und Ackerflächen zerstört. Salziges
Meereswasser kann Süß- und damit Trinkwasserquellen kontaminieren,
Hurrikans richten bei höherem Wasserstand höhere Schäden an.

Ozeanzirkulation

Das milde Klima in Europa und die Niederschlagsverteilung weltweit
wird entscheidend geprägt durch den Golfstrom, Teil der Atlantischen
Umwälzströmung (Amoc). Er bringt warmes Ozeanwasser nach Norden, wo
es abkühlt und sinkt und so die atlantische Strömung in Gang setzt.
Der Weltklimarat IPCC hat gewarnt, dass ein Kollaps der Zirkulation
durch unerwartet große Mengen an Schmelzwasser aus polaren Gletschern
ausgelöst werden könnte. 

Eine neue Studie im Fachmagazin «Nature» legt nahe, dass die Amoc
womöglich zwar nicht vollständig verschwindet, aber deutlich
schwächer wird. «Ob es dann am Ende ein Kollaps oder eine sehr starke
Abschwächung ist, macht für die Auswirkungen dieser Veränderung am
Ende kaum keinen Unterschied», berichtet aber Jens Terhaar, der an
der Universität Bern unter anderem das Ökosystem des Arktischen
Ozeans modelliert. «Beides wäre mit extremen Folgen verbunden und man
sollte alles unternehmen, um dies zu vermeiden.» 

Biodiversität

Im Gebiet der Berggletscher verändert sich die Biodiversität
dramatisch, wenn das Eis schmilzt und die Temperaturen steigen.
Wärmeempfindliche Pflanzen und Tierarten müssen höher wandern.
Kaltwasserbewohner in Flüssen sind bedroht, wenn ihr Habitat nicht
mehr von Gletscherwasser gekühlt wird.

«Manche Arten mögen es nicht, wenn das Wasser warm wird, und Flüsse
könnten so weit austrocknen, dass Fische und andere aquatische
Lebewesen keine Chance fürs Überleben haben», sagt Farinotti. Das
Schweizer Wasserforschungsinstituts Eawag schreibt, womöglich müssten
empfindliche Flussbewohner von Menschen auch in höhere Lagen
umgesiedelt werden. Dort müssten sie auch geschützt sein. Von
Gletschern freigegebene Gebiete dürfen also nicht sämtlich als
Freizeitgebiet oder zur Produktion von Energie durch Wasserkraft
genutzt werden.

Neue Bakterien oder Pilzarten

Im Gletschereis werden immer wieder unbekannte Mikroorganismen
entdeckt. Was passiert, wenn das Eis schmilzt? Chinesische Forschende
dokumentierten in Berg- und Polargletschern DNA von mehr als 10.000
Virenarten, die nach ihren Angaben aber keine große Gefahr für die
öffentliche Gesundheit darstellen. In Schweizer Gletschern und
Permafrost hat Beat Frey vom WSL mit Kollegen zehn neue
Bakterienarten und eine neue Pilzart entdeckt. 

Diese Organismen können Aufschluss über vergangene Klimaveränderungen

liefern. Untersucht wird, ob sie womöglich auch im Kampf gegen
antibiotikaresistente Keime nützlich sein können. Frey und Kollegen
fanden zudem, dass manche Bakterien bestimmte Kunststoffe bei sehr
niedrigeren Temperaturen abbauen konnten. «Unsere langfristige Vision
ist, eine Lösung für einige globale Probleme zu finden», sagt Frey
dem Portal swissinfo.ch.

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