«Kennen Ausmaß nicht»: Vogelgrippe in USA besorgt Experten Von Christina Horsten, dpa

Vor einem Jahr wurde die Vogelgrippe erstmals bei Milchkühen in den
USA entdeckt. Dutzende Menschen haben sich angesteckt, einer starb.
Präsident Trump meidet das Thema - Experten sind besorgt.

Washington (dpa) - Die größte dokumentierte Vogelgrippewelle
grassiert derzeit auf mehreren Erdteilen. Der Erreger befällt vor
allem Vögel, wurde aber auch schon bei vielen Säugetieren gefunden.
Am Dienstag (25. März) vor einem Jahr kam dann eine
Schreckensnachricht aus den USA: Zum ersten Mal wurde eine Form der
Vogelgrippe H5N1 bei Milchkühen entdeckt, anfangs in den
Bundesstaaten Texas, Kansas und New Mexico. Was ist seitdem passiert
- und wie geht es weiter?

Was ist der aktuelle Stand bei der Vogelgrippe in den USA?

Von einer Eindämmung des Ausbruchs kann keine Rede sein. Laut der
Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention)
sind in der aktuellen Welle in den USA mehr als 12.500 Fälle bei
Wildvögeln registriert worden, rund 170 Millionen Nutzvögel wie
Hühner oder Enten wurden gekeult. Zudem wurden Ausbrüche in fast
1.000 Rinderherden in 17 Bundesstaaten nachgewiesen. 70 Infektionen
bei Menschen wurden entdeckt. 

Die Rinder haben häufig weniger Appetit und geben weniger Milch. Den
Behörden zufolge erfolgte die Ansteckung wohl meist über Wildvögel
und wurde dann über Melkmaschinen und Euter weitergegeben. 

Anfang des Jahres starb in den USA erstmals ein Mensch nach einer
Infektion mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1. Der Bewohner des
Bundesstaats Louisiana war nach Angaben der Behörden älter als 65
Jahre und hatte auch andere gesundheitliche Probleme.

Das sind allerdings nur die veröffentlichten Zahlen. In einer kleinen
CDC-Studie trugen im September 3 von 150 Tierärzten Antikörper gegen
das Virus. Dabei hatten zwei von ihnen nach eigenen Angaben gar
keinen Kontakt zu infizierten Tieren oder Verdachtsfällen gehabt. 

Das Virus müsse also sowohl unter Tieren als auch unter Menschen viel
weiter verbreitet sein als offiziell bekannt, schlossen Experten
daraus. «Wir kennen das Ausmaß dieses Ausbruchs in den USA nicht»,
sagte die Virologin Seema Lakdawala von der Emory University in
Atlanta der «New York Times». «Es gibt offensichtlich Infektionen,
die wir nicht mitbekommen.»

Wie bewertet die Gesundheitsbehörde die Lage für die Bevölkerung?

Eine Übertragung von Mensch zu Mensch sei bislang nicht nachgewiesen
worden, so die CDC. Das Risiko für die Allgemeinbevölkerung sei
niedrig, bei den Infizierten handele es sich fast ausschließlich um
Menschen mit viel direktem Kontakt zu Rindern oder Geflügel, etwa
Farmarbeitern. Die Behörde rät generell, Kontakt zu kranken und toten
Tieren zu meiden.

Wie sieht es mit Milch, Fleisch und Eiern aus?

Kommerziell erwerbliche Milch-, Fleisch- und Eierprodukte seien
sicher, da Hitze und Pasteurisierung das Virus eliminierten, betonen
die CDC. Von Rohmilch-Verzehr wird allerdings abgeraten. Die
Lieferung von ausreichend Rinderfleisch sowie Milch sei nicht
gefährdet. Rinder könnten eine Infektion überstehen und müssten nic
ht
getötet werden.

Doch rund 170 Millionen Nutzvögel wurden in den USA seit Beginn des
Ausbruchs gekeult. Das ließ den Preis für Hühnerfleisch, vor allem
aber auch für Eier in die Höhe schnellen. Vielerorts sind Eier knapp,
Supermärkte verkaufen oft nur noch eine Packung pro Kunde. 

Das Thema hat auch politische Brisanz: US-Präsident Donald Trump
hatte seinen Vorgänger Joe Biden im Wahlkampf immer wieder für die
hohe Inflation verantwortlich gemacht und versprochen, dass mit ihm
als Präsident alles billiger werde - bislang ohne Erfolg. 

Das brachte ihm Spott der Demokraten ein. Aber der Republikaner Trump
betonte wiederholt - ohne Beweise vorzulegen -, es sei Biden
anzulasten, dass die Preise für Eier in den USA «außer Kontrolle»
seien. 

Was haben Trump - und RFK Jr. - nun vor?

Der Ausbruch erwischt die USA in turbulenten Zeiten. Die zuständigen
Behörden sind nach dem Regierungswechsel teilweise noch führungslos
und werden von Mittelstreichungen und Kürzungen gebeutelt. Eine
einheitliche Strategie wurde bislang nicht vorgestellt, Trump lässt
das Thema soweit möglich links liegen.

Eine der zentralen Fragen betrifft Impfungen: Während die
Vorgängerregierung entsprechende Studien in Auftrag gegeben hatte und
es sogar schon eine vorbehaltliche Zulassung für einen Impfstoff gab,
sieht der neue Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. diese Option
deutlich kritischer. Alle seine Behörden würden ihm davon abraten,
sagte Kennedy jüngst dem TV-Sender «Fox News». Es sei möglich, dass

Hühnerställe durch Impfungen zu «Mutationsfabriken» würden.

Wie sehen Experten den Umgang der USA mit der Vogelgrippe?

Viele haben große Sorge - sowohl für die USA als auch weltweit. Aus
Deutschland kommt scharfe Kritik: Es sei leider nicht zu erkennen,
dass Maßnahmen ergriffen würden, die das Geschehen schnell stoppen
würden, sagt Martin Beer, Vizepräsident des
Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) auf der Insel Riems bei
Greifswald. Den Eindruck, dass in den USA mehr Wert darauf gelegt
wird, kurzfristig wirtschaftlichen Schaden zu vermeiden als eine
mögliche weitere Zoonose zu unterbinden, bestätigt der Berliner
Virologe Christian Drosten: «Es ist schon frappierend, wie wenig
Dateneinsicht und gezielte Infektionsüberwachung stattfindet, sowohl
bei Tieren als auch beim Menschen.»

Könnte die Vogelgrippe zur nächsten Pandemie werden?

Das sei völlig unklar, sagt die Weltgesundheitsbehörde WHO. Klar sei
aber, dass diese von Tier zu Mensch übertragenen
Infektionskrankheiten ein Potenzial dafür tragen - und deswegen gut
überwacht und soweit möglich eingedämmt werden müssten. 

Das aktuell kursierende Vogelgrippe-Virus wurde in diesem März
erstmals bei einem Schaf nachgewiesen - einem weiteren Säugetier mit
engem Kontakt zum Menschen. Wie das britische Ministerium für Umwelt,
Lebensmittel und den ländlichen Raum mitteilte, wurde es in der
Grafschaft Yorkshire entdeckt. In dem Betrieb war es zuvor bereits
bei Vögeln nachgewiesen worden. 

Die WHO mahnt, dass es bei jeder Übertragung des Virus zu Mutationen
kommen könne, die dessen Eigenschaften verändern - und damit
möglicherweise auch das Gefährdungspotenzial für Menschen erhöhen
könnten. So war in den USA beispielsweise kürzlich eine neue Variante
bei Kühen erstmals aufgetaucht. D1.1 wurde in Kuhmilch in Nevada
nachgewiesen. Zuvor waren Infektionen mit dem Virus auf die Variante
B3.13 zurückgeführt worden.

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