Kontrollverlust im Hirn: Warum Parkinson häufiger wird - und was hilft Von Alice Lanzke, dpa
Weltweit steigt die Zahl der Parkinson-Fälle - und das nicht nur,
weil wir älter werden. Doch es gibt mitunter Wege vorzubeugen: Vor
allem zwei Dinge hat man selbst in der Hand.
Kiel/Kassel (dpa) - Parkinson ist eine der am schnellsten zunehmenden
neurologischen Erkrankungen weltweit. Allein in Deutschland sind
aktuellen Zahlen zufolge fast 300.000 Menschen ab 40 Jahren
betroffen. Typische Symptome wie unkontrollierbares Zittern,
verlangsamte Bewegungen und Gleichgewichtsstörungen treten meist erst
im Alter auf. Doch die Erkrankung beginnt lange vorher.
Eine aktuelle Studie im Fachblatt «BMJ» prognostiziert, dass sich die
Zahl der Betroffenen weltweit von 11,9 Millionen im Jahr 2021 bis
2050 mehr als verdoppeln könnte. Für Deutschland werden 574.000
Erkrankte vorhergesagt - das wäre nach China, Indien und den USA die
vierthöchste Zahl an Patienten.
Was passiert bei einer Parkinson-Erkrankung?
Bei Parkinson sterben im Gehirn jene Nervenzellen ab, die Dopamin
produzieren - ein für die Bewegungssteuerung wichtiger Botenstoff.
Dabei ist das Protein Alpha-Synuclein zentral: Fehlgefaltete Formen
dieses Proteins verklumpen und lagern sich im Hirn ab. «Die genauen
Ursachen sind aber noch nicht bekannt», sagt die Neurologin Brit
Mollenhauer, Chefärztin an der Paracelsus-Elena Klinik in Kassel.
Wahrscheinlich handele es sich um ein Zusammenspiel aus Umwelt-,
metabolischen und genetischen Faktoren.
Was sind typische Symptome?
Neben dem typischen Zittern treten Muskelverspannungen, Gang- und
Gleichgewichtsstörungen auf. Ebenso können Betroffene eine starre
Mimik und eine leise oder monotone Sprache aufweisen. Zudem können
sich Schlaf- und Riechstörungen, Depressionen und kognitive
Beeinträchtigungen bis hin zur Demenz zeigen.
Was erhöht das Parkinson-Risiko?
Studien legen nahe, dass eine ganze Reihe von Umweltgiften das Risiko
für Parkinson erhöht, darunter vor allem Pflanzenschutzmittel. «Viele
Pestizide haben gemein, dass sie Entzündungsprozesse im Hirn und
oxidativen Stress auslösen», erklärt Eva Schäffer von der Klinik f
ür
Neurologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Kiel.
Daneben verändern Pestizide aber auch Stoffwechselvorgänge und setzen
weitere Mechanismen im Gehirn in Gang, die zur Krankheit beitragen.
Entsprechend beschloss der Ärztliche Sachverständigenbeirat
Berufskrankheiten (ÄSVB) 2024 eine wissenschaftliche Empfehlung für
eine Berufskrankheit «Parkinson-Syndrom durch Pestizide» - ein
Schritt, der in anderen Ländern schon vor Jahren vollzogen wurde.
Laut Schäffer gibt es weitere Umweltfaktoren, bei denen sich Hinweise
auf ein erhöhtes Parkinson-Risiko mehren, darunter vor allem das
häufig genutzte Lösungsmittel Trichlorethylen und Luftverschmutzung,
insbesondere in Form von Feinstaub.
Und schließlich spiele der individuelle Lebensstil eine zentrale
Rolle. So gehörten körperliche Inaktivität, aber auch eine an stark
verarbeiteten Lebensmitteln reiche Ernährung zu den Risikofaktoren.
Wie kann Parkinson vorgebeugt werden?
Etwa zehn Prozent der Parkinson-Erkrankungen sind genetisch bedingt.
Für den weitaus größeren Teil der Fälle ergeben sich aus den
Risikofaktoren indes weitreichende Präventionsmöglichkeiten: «Wer
moderaten Ausdauersport betreibt, kann das Risiko für Parkinson um
bis zu 60 Prozent senken», betont Schäffer. Dabei müsse es keine
bestimmte Sportart sein: «Alles, was Herz- und Atemfrequenz steigert,
hilft.»
Auch Mollenhauer hebt hervor: «Bewegung hat eine sehr starke
antientzündliche Wirkung und ist eigentlich das beste Medikament, das
wir in uns tragen. Insbesondere für Menschen im mittleren Alter wäre
eine Stunde Sport am Tag ideal, kombiniert mit einer entsprechenden
Ernährung.» Dabei seien viel Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte
vorteilhaft, so Schäffer: «Ballast- und Pflanzenstoffe wirken sich
positiv auf das Darmmikrobiom aus - und seit einiger Zeit wissen wir,
dass es eine Verbindung zwischen Darm und Gehirn, die
Darm-Gehirn-Achse, gibt.» Dazu passt, dass viele Parkinson-Patienten
teils schon Jahrzehnte vor ihrer Diagnose unter schwerer Verstopfung
leiden.
Welche Möglichkeiten gibt es nach der Diagnose?
Bewegung und Ernährung sind auch nach der Diagnose wichtige Faktoren
- sowohl im Frühstadium vor dem klinischen Ausbruch als auch bei
bereits fortgeschrittener Erkrankung.
In beiden Bereichen sei mit den erwähnten Lebensstilfaktoren sehr
viel zu erreichen, sagt Neurologin Schäffer. «So kann es
beispielsweise gelingen, den Ausbruch der Symptome nach hinten zu
verschieben, doch selbst danach kann etwa Sport die Verschlechterung
der Beweglichkeit verlangsamen und auch nicht-motorische Symptome wie
Verstopfung, Depressionen oder kognitive Probleme lindern.»
Wichtig sei aber die Kombination mit einer guten medikamentösen
Behandlung: Hier werden in der Regel Arzneien eingesetzt, die den
Botenstoff Dopamin ersetzen sollen. «Wir dürfen natürlich nicht zu
viel Medikamente geben, aber wir brauchen Dopamin, um uns bewegen zu
können», erläutert Schäffer. Werde zu stark an den Medikamenten
gespart, seien die Patienten steif und schlecht beweglich. «Da wird
es dann zum Kampf, in den Sport reinzukommen.»
Wie wird Parkinson behandelt?
Parkinson ist bislang nicht heilbar. Verschiedene Behandlungsansätze
können den Krankheitsverlauf allerdings verlangsamen und die Symptome
lindern. Dabei werden in der Regel zum einen Arzneien eingesetzt, die
den Botenstoff Dopamin ersetzen. Bewegungs- und Ergotherapien sowie
eine angepasste Ernährung helfen zudem vielen Betroffenen, ihre
Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.
In fortgeschrittenen Stadien kann auch die Tiefe Hirnstimulation
(THS) eine Option sein. Dabei werden Elektroden ins Gehirn
eingesetzt, um krankhafte Nervenaktivitäten mit elektrischen Impulsen
zu regulieren. Ein neuer Ansatz - das sogenannte Beta-Sensing - macht
die THS laut Neurologin Mollenhauer noch präziser: «Dabei werden die
Elektroden nicht nur zur Stimulation genutzt, sondern ziehen
umgekehrt auch Informationen aus dem Hirn, die wiederum anzeigen,
wann und wo genau stimuliert werden soll.»
Welche Parkinson-Therapien könnten einmal helfen?
Derzeit wird intensiv an neuen Behandlungsmöglichkeiten geforscht.
Ein Ansatz sind Antikörpertherapien, die Alpha-Synuklein gezielt
binden und dessen Ablagerung verhindern sollen. Ein weiterer
Forschungszweig setzt auf sogenannte Small Molecules, die gezielt in
krankheitsrelevante Prozesse eingreifen. Allerdings sind die ersten
Ansätze in klinischen Studien gescheitert.
Dies ist laut Mollenhauer aber kein Beleg für deren grundsätzliche
Wirkungslosigkeit. Vielmehr könne es für das Scheitern verschiedene
Gründe geben. So bedeute etwa das langsame Voranschreiten von
Parkinson, dass sich Therapieeffekte entsprechend spät zeigen
könnten.
Zudem setzten viele Behandlungen in Studien erst an, wenn bereits
zahlreiche Nervenzellen zerstört seien. «Erfolgversprechender könnte
es sein, derartige Medikamente Risikopatienten präventiv anzubieten»,
so Mollenhauer. Um bessere Ergebnisse zu erzielen, brauche es zudem
flexiblere Plattformstudien, in denen mehrere Medikamente
gleichzeitig getestet und Dosierungen angepasst werden können.
Welche Möglichkeiten der Früherkennung gibt es?
Die Früherkennung von Parkinson ist eine große Herausforderung, da
die Krankheit oft erst diagnostiziert wird, wenn bereits viele
Nervenzellen zerstört sind. Erste Warnsignale sind Geruchsverlust,
Schlafstörungen oder Verstopfung, die schon Jahre vor den typischen
Bewegungseinschränkungen auftreten können.
Daneben wird intensiv an Biomarkern geforscht, um die Krankheit etwa
im Blut, im Liquor - also Nervenwasser - oder gar durch eine
Hautbiopsie nachzuweisen. Für einen praktikablen Einsatz solcher
Biomarker sei aber wichtig, dass diese ohne großen Aufwand untersucht
werden können, betont Mollenhauer: «Es ist zum Beispiel
unrealistisch, Risikopersonen großflächig zur Liquorpunktion
einzuladen.»
Deswegen wäre die Entwicklung eines Bluttests zur Diagnose einer
Erkrankung so wichtig, unterstreicht die Neurologin. «Damit könnte
Parkinson schon in der Hausarzt-Praxis festgestellt werden - und
frühzeitig mit der Therapie begonnen werden.»
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